Klangwerkstatt Berlin

Festival für Neue Musik


8. bis 17. November 2019

Freitag 15.11.
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20.00 Uhr Kunstquartier Bethanien

In der Zeit und aus der Zeit

Minguet Quartett

Minguet Quartett © Frank Rossbach
Minguet Quartett © Frank Rossbach

Einen Blick zurück nach vorn wirft das Minguet Quartett auf 60 Jahre Streichquartettkompositionen zwischen Tradition und Experiment, Erbe und Radikalität. Zwischen 1959 und 2019 sind die Stücke dieses Programms entstanden. Nimmt man die jeweilige Kontextualisierung hinzu, so wird die Zeitspanne um einiges größer.

Gottfried Michael Koenig etwa findet seinen Ausgangspunkt bei Anton Webern. Trotz seiner Begeisterung für die Elektronik sind die meisten seiner rund sechzig Werke für akustische Instrumente geschrieben. Anders als viele seiner Kollegen in den 1950er und 1960er Jahren bleibt er dem seriellen Ansatz in diesen Stücken treu. In seinem Streichquartett 1959 kommt noch ein weiterer Parameter hinzu: der Zufall.

Die Aleatorik, also der Zufall in der Musik oder die freie Materialwahl der Musiker, als ein bewusster Vorgang mit überschaubaren Möglichkeiten spielt auch in dem im gleichen Jahr entstandenen Streichquartett Aleatorio von Franco Evangelisti eine entscheidende Rolle. Hier können die Solisten im Vorhinein wählen, wann und in welcher Ausgestaltung die drei vorgegebenen Abschnitte gespielt werden sollen.

Am anderen Ende des zeitlichen Bogens befasst sich Gerhard Stäbler in seinem panoptischen Streichquartett – – ] erzählen … mit dem gegenwärtigen Phänomen des Dataismus. Dieser, so Stäbler, wolle uns emotional äußerst „smart“ in gefügige Objekte des angeblich selbst erwünschten Konsums zersplittern, zu dem wir nur noch „Like“, also „Amen“ sagen (sollen). Das Stück versucht, […] während des Spiels unsere Sinne zu „spitzen“, um Wege zu einem „beglückenden Zusammensein“ unterschiedlich(st)er, bestimmt auch gegensätzlicher Wesen zu „er-hören".

Zeit- und Formlosigkeit sind die Markenzeichen der art informel, jener Strömung in der bildenden Kunst, die ab den 1940er Jahren einen Gegenpol zur geometrischen Abstraktion bilden sollte. Einem ihrer wichtigsten Vertreter, Emilio Vedova, hat Wolfgang Rihm in seinem Streichquartett Geste zu Vedova ein musikalisches Denkmal gesetzt.

Wie aus der Zeit gefallen kommt dagegen Brian Ferneyhoughs Streichquartett Silentium daher. Es fußt auf einem Choralfragment, in dem der Erzengel Michael den in Gestalt eines Drachen erscheinenden Luzifer besiegt.

Die Zeit nicht als Verlauf, sondern als Zustand wird wiederum zum Thema in Stefan Streichs Quartett Gehen. Ein Gedanke, dem Streich auch in der Musik von Franz Schubert begegnet. So besteht die Miniatur Moment und Zustand 1 ausschließlich aus dem Thema des 1. Satzes des Streichquartetts Nr. 15 G-Dur und ist Gehen als eine Art Motto vorangestellt.

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20.00 Uhr Kunstquartier Bethanien

In der Zeit und aus der Zeit

Minguet Quartett

  • Gottfried Michael König Streichquartett 1959
  • Stefan Streich Moment & Zustand 1 (2016) und Gehen (2015) für Streichquartett
  • Wolfgang Rihm Geste zu Vedova (2015) für Streichquartett (dem Minguet Quartett gewidmet)
  • ***
  • Franco Evangelisti Aleatorio (1959) per quartetto d'archi
  • Gerhard Stäbler – – ] erzählen … (2018/19) Ein panoptisches Streichquartett
  • Brian Ferneyhough Silentium (2013) for String Quartet

Minguet Quartett Ulrich Isfort, Annette Reisinger – Violinen | Aroa Sorin – Viola | Matthias Diener – Violoncello