Kunstquartier Bethanien, Studio 1

Freitag 5.11., 20.00 Uhr

Laut! Sprecher! Musik!

Berliner Lautsprecherorchester

  • Hanna Hartman (UA)
  • Malte Giesen (UA)
  • Anaïs-Nour Benlachhab (UA)
  • Dustin Zorn (UA)
  • Connor Shafran (UA)
  • Marta-Liisa Talvet (UA)
© Wolfgang Heiniger
© Wolfgang Heiniger

Programm

  • Hanna Hartman
    Fog Factory(2020)
    für Lautsprecher
  • Dustin Zorn
    No Strings UntouchedUA(2021)
    für Lautsprecherorchester
  • Marta-Liisa Talvet
    endUA(2021)
    für Lautsprecherorchester
  • Connor Shafran
    blahblahUA(2021)
    für Lautsprecherorchester
  • Anaïs-Nour Benlachhab
    femme fou: LABOUA(2021)
    für Lautsprecherorchester
  • Malte Giesen
    Apeirotope disruptionUA(2021)
    für 16-kanaliges Akusmonium

Berliner Lautsprecherorchester

Wolfgang Heiniger – Leitung


Das Lautsprecherorchester ist ein Konglomerat aus unterschiedlichsten Lautsprechern und Klangwandlern. Ihre Anordnung und Reflektionen im Raum lassen ungeheuer körperliche Klänge entstehen. Damit wird der Lautsprecher, der eigentlich ein Übertragungsmedium ist, selbst zum bespielbaren Instrument. Dieser Widerspruch ist Konzept: Das Virtuelle wird zum Realen im Raum.

Entstanden und entwickelt im Studio der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, ist das Berliner Lautsprecherorchester das erste Orchester dieser Art in Deutschland, das seit 2012 regelmäßig in Konzerten zu hören ist. Vorläufer des Berliner Lautsprecherorchesters finden sich im acousmonium des GRM Paris, dem Birmingham ElectroAcoustic Sound Theatre (B.E.A.S.T.) der University of Birmingham in England, dem cybernephone des Institut International de Musique Electroacoustique de Bourges und anderen ähnlichen Klangkörpern.

Das Repertoire eines solchen Lautsprecherorchesters ist die ab den 1950er Jahren entstehende elektroakustische und elektronische Musik. Besonders reizvoll ist die Aufführung von eigens für dieses sehr spezielle Instrument geschriebener Stücke, die die Möglichkeiten des Instruments und seinen Raumklang von vornherein mitdenken.

Wolfgang Heiniger, Begründer und Leiter des Berliner Lautsprecherorchesters bringt sechs neue Werke mit. Vier davon sind Kompositionen von Studierende der beiden Musikhochschulen Berlins, die sich intensiv mit dem Instrument auseinandergesetzt haben: Marta-Liisa Talvet, Connor Shafran, Anaïs-Nour Benlachhab und Dustin Zorn.

Fog Factory der in Berlin ansässigen schwedische Klangkünstlerin, Komponistin und Performerin Hanna Hartman (*1961) wurde mit dem diesjährigen Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst des SWR im Rahmen der Donaueschinger Musiktage ausgezeichnet. In ihrem Stück, so schreibt Peter Margasak, „erzählt Hanna Hartman, wie in all ihren Arbeiten der letzten Jahrzehnte, keine Geschichte. Sie fordert uns nicht auf, nach einer Bedeutung zu suchen. Sie möchte einfach, dass wir genau hinhören und die erlesenen, schwer fassbaren Details in ihrem Werk bemerken. In ihren Anmerkungen dankt sie Almgrens Sidenväveri, einem Museum in Stockholm mit noch funktionierenden Webmaschinen, aber das ist auch schon alles, was wir an Hintergrundinformationen erfahren. Der Hörer muss die Lücken füllen und der akribisch aufgezeichneten und sorgfältig zusammengestellten Komposition von Klängen selbst eine Bedeutung geben – einige wurden mit einem Buchla-Synthesizer erzeugt, aber die meisten hat Hartman in der realen Welt mit ihrer Sammlung von Mikrofonen aufgenommen, die sie in jahrelanger Klangforschung gesammelt hat.

Es finden sich industrielles Klopfen, metallisches Klirren, das in den Hall eines höhlenartigen Raums getaucht ist, dichtes Knistern und scharfes Zischen. All das bewegt sich um das herbe Pochen eines Synthesizers herum. Zumindest denke ich, dass es das ist. Letztendlich ist es jedoch irrelevant, woher all das kommt. Was zählt, ist die Auseinandersetzung mit diesen Klängen und die Art und Weise, wie Hartman dafür eine Projektionsfläche konstruiert.“

Indem sie alle Elemente in ihrem Mix kontrolliert und manipuliert, ermöglicht es Hartman, bestimmte Klänge in einem neuen Licht zu betrachten. Hartman setzt ihre enorme Beobachtungsfähigkeit ein, „um uns dabei zu helfen, Klänge und optische Eindrücke, die uns jeden Tag umgeben, in etwas Erhabenes, Geheimnisvolles und Perspektivenveränderndes zu verwandeln.“

Am Ende des Konzerts steht Apeirotope disruption von Malte Giesen (*1988). „Ein Apeirotop“, so Giesen, „ist ein geometrischer Körper der multidimensionalen Geometrie, ein Körper mit unendlich vielen Flächen. Ausgehend von meiner aktuellen Beschäftigung mit mehrkanaliger Elektroakustik, die über das herkömmliche Stereoklangbild hinaus geht, steht diese Analogie metaphorisch für den Schritt in höhere (geometrische) Dimensionen – das ‚2D-Klangbild‘ der Stereophonie verlassend, hin zu einer Raumklangästhetik, bei der es nicht um das Projizieren von vorgefertigten virtuellen akustischen Räumen geht, sondern um das ganz bewusste Ausnutzen der akustischen Gegebenheiten des Aufführungsortes zugunsten eines immersiven Klangs.

So ist auch dieses Stück speziell für dieses Lautsprechersetup im Studio 1 des Kunstquartier Bethanien komponiert. Elektronisch besteht es aus den einfachsten Elementen der Klangerzeugung: Sägezahnwellen, Amplitudenmodulationen, Feedbackdelays und Filtern – quasi die akustische Umsetzung von grafisch stark abstrahierten geometrischen Formen. Lebendigkeit entsteht aus den 16 individuellen Stimmen, die jeweils durch ihren eigenen Lautsprecher, mit jeweils eigenen akustischen Eigenschaften und Reflexionsverhalten klanglich in Erscheinung treten.

Die ‚disruption‘ ist eine Referenz an Mathias Spahlingers kurzem (und vermutlich einzigem) elektroakustischen Werk störung (1975), in dem analoge Störgeräusche wie Brummschleifen, Knacken und Funkrauschen zum musikalischen Material gemacht werden. Dort, wie auch hier, wird die Störung wiederum gestört: Bei Spahlinger durch die schlecht empfangene menschliche Sprache über Radiowellen, in diesem Stück hier durch zwei Zitate aus Arnold Schönbergs Gurreliedern, vermutlich eines der maximalistischsten Stücke der (Zu-)Spätromantik. Die maximal dichteste Stelle der Gurrelieder, der Sonnenaufgang am Ende des Oratoriums, wird hier nochmal versechzehnfacht, ähnlich einer Auffaltung eines dreidimensionalen Körpers in einen n-dimensionalen Raum.“