„Wenn die Beschleunigung das Problem ist, ist die Resonanz vielleicht die Lösung“, schreibt der Soziologe Hartmut Rosa im Vorwort von Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Dem entfremdeten, dem unersättlich nach Optimierung strebenden und zum kollektiven Burnout führenden modernen Leben stellt er die Idee der Resonanz entgegen. Er meint damit ein berührendes Weltverhältnis, das auf Wechselseitigkeit beruht. Das betrifft das Verhältnis des Einzelnen zu anderen Menschen genauso wie zu Dingen und Tätigkeiten, zur Natur, zur Kunst … – eben zu allem, was Welt ist.
Der Blick richtet sich dabei nicht auf den physikalischen Widerhall, der als Echo das Signal eines Senders zurückwirft. Im Gegenteil: Unterschiedliche, sich aber ergänzende Schwingungen transformieren sich gegenseitig und formen gemeinsam neue Strukturen und Beziehungen.
In der Musik könnte das ein Hören sein, das Klangfolgen nicht bloß aufnimmt und interpretiert, sondern aktiv an der Entstehung ihres So-Seins und ihrer Bedeutung beteiligt ist. Was antwortet die Welt, wenn wir (zu)hören? Wenn wir in Morton Feldmans vierstündiges Trio For Philip Guston eintauchen oder Chiyoko Szlavnics’ flächig-orchestrale Strukturen in einem Kirchenraum erleben? Wie transformiert sich unsere Welt beim Hören der allertiefsten Schwingungen im langen Abend der Bassstimme und -instrumente Low Frequencies? Was (ver)lernen wir in der hörenden Auseinandersetzung mit Musik zu konkreten Themen und Inhalten wie dem Periodensystem oder den Phänomenen von Schlaf und Traum?
Vielleicht ist solche Resonanz auch eine Antwort auf Hannah Arendts Analyse der „Weltlosigkeit“ des modernen Menschen. Dieser verliert in einer individualisierten und auf Verfügbarkeit ausgerichteten Welt die Verbindung zum gemeinsamen, realen Sein und zu seinen Mitmenschen. Eine resonierende Offenheit im Hören lässt Fremdes ein, ohne die eigene Stimme und Prägung zurückzustellen. Sie setzt einen Erkenntnisprozess in Gang, der die Trennung von Verstand und Intuition aufhebt – die innere Logik und Emotionalität kompositorischer Struktur als Angebot zur Weltverbundenheit.
In Konzerten von und mit Kindern und Jugendlichen, am gemeinsamen Mittagstisch, in Performances oder bei einer der zwanzig Uraufführungen eröffnet die Klangwerkstatt Berlin auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Resonanzräume, die den Sinn dafür öffnen können, welche vielfältigen Formen von Welt möglich sind. Im gemeinsamen Hören erleben wir uns – vielleicht unerwartet – als Mitschwingende: verbunden mit der Musik und miteinander.
Stefan Streich, Nina Ermlich, Paul Hübner